home

portrait

musik

bands

referenzen

aboutjazz

kontakt

impressum

datenschutz

About jazz Warum Jazz nicht verjährt

Der Jazz entwickelte sich um 1900 in den Sklavenkolonien Amerikas. West-afrikanische Volksmusik traf auf europäische und vermischte sich zu dem, was wir heute Jazz nennen. Auch wenn bereits ein Jahrhundert lang die verschiedensten Einflüsse für unterschiedlichste Facetten dieses Genres sorgen, so ist doch ein Merkmal dem Jazz und dessen Musikern treu geblieben: die Improvisation mit all ihrer Freiheit der Gestaltung.

Jazz entstand aus der westafrikanischen Tradition des Improvisierens: dem Call- and- Respond, Frage-Antwort-Spiel, gemischt mit einer Vielzahl gegensätzlicher Rhythmen und Synkopen. Aus dem europäischen Musikgut bediente sich der Jazz den musikalischen und harmonischen Strukturen der Romantik und Klassik, welches die ordnende Grundlage des Jazz werden sollte.

Als weitere prägende Einflüsse sind hier die Arbeitslieder der Sklaven (die Work - Songs), religiöse Gesänge und Gebete (Spirituals) und der Blues zu nennen, der den weltlichen Schmerz zum Ausdruck brachte. Aus diesen Einflüssen entwickelt sich später ein eigener Musiktrend: der Soul.

Zunächst ganz ohne Noten, diente der gesangdominierte Jazz dem Ausdruck von Gefühlen und Stimmungen. Blues und Ragtime, Tap-Dance begleitete jede Art von Feierlichkeiten, waren es Hochzeiten, Picknicks, Beerdigungen...

Bis 1910 wurde der Jazz und Blues mündlich überliefert. Der Bluessänger W.C.Handy brach als erster diese Tradition und veröffentlichte seine beliebtesten Songs, die Bessie Smith später äußerst erfolgreich zum Besten gab. Die erste Bandzusammen-stellung war eine kleine Kapelle, bestehend aus Klarinette, Kornett, Trompete, Posaune oder ein Solopianist.

Im New-Orleans-Jazz, benannt nach seinem Herkunftsort, gesellten sich Tuba oder Kontrabass und Schlagzeug dazu und gaben dem mehrstimmig improvisierenden Bläserensemble seine so beliebte Dynamik, die zu diesem Zeitpunkt mehr zählte, als musikalische Raffinessen und Feinheiten.

Um ca. 1917 vollzog sich ein nicht unrelevanter Wechsel im Jazz. Im Süden Amerikas formierten sich weiße Jazzmusiker zur „Original-Dixieland-Jazz-Band“ und brachten die bislang „schwarze“ Traditionsmusik unter die weiße Bevölkerung. Es entstand die erste Jazzaufnahme und damit rückte Jazz auch in das kommerzielle Interesse.

Zeitgleich gab es zahlreiche innovative und einzigartige Musiker, wie der Sänger und Trompeter Louis Armstrong, der den Scat-Gesang erfand und etablierte, Fats Waller, dessen „Stride–Piano-Stil“ viele Anhänger und Nachahmer fand, Meade „Lux“ Lewis, ein begnadeter Boogie-Woogie-Mitbegründer, oder auch Earl „Fatha“ Hines, der die Eleganz Fats Wallers weiterführte und Vorreiter für viele nachfolgende, hervorragende Jazz-Pianisten werden sollte, nur um ein paar wenige Legenden, der Jazz-Begründer-Zeit zu nennen.

Ebenfalls in den 20er-Jahren schlossen sich viele der bekanntesten Jazz-Musiker zu so genannten „Big-Bands“ zusammen, um den Jazz tanzbar und somit salonfähiger zu machen. In den 30er- und 40er-Jahren erlebte der sich somit entwickelte „Swing“ eine Hochzeit, wie es der Jazz bis dahin nicht gekannt hatte. Swing wurde die Musik dieser Zeit, gelang es ihr doch bei soviel Schmerz, Kampf und Kriegsgeschehen immer heitere und glückliche Atmosphäre zu zaubern.

Auch in Europa erfreute man sich an dem erheiternden Rhythmus, wenngleich Jazz zur Kriegszeit in Deutschland verboten war. Auch beim Film bediente man sich des Jazz, oft kompositorisch erweitert zu ganzen Jazz-Suiten. Grosse klassische Komponisten wie George Gershwin und Cole Porter schrieben Broadway-Musicals im Jazzstil. Gene Kelly und Frank Sinatra wurden zu Statussymbolen der High Society. Jazz war fortan in jeder Schicht die Musik schlechthin.

Leider erfuhren den Ruhm über sehr lange Zeit nur die weißen Musiker, die diesen geglätteten, weniger improvisationsreichen, dafür aber tanzbareren „Ball“-Jazz etablierten.

Darunter Duke Ellington als der führendste Komponist seiner Zeit, dessen zahllosen Werke bis heute nicht an Charme und Faszination verloren haben. Bis zu seinem Tode 1974 leitete er sein eigenes Orchester.

Auch Nat-King-Cole verzauberte mit seiner überaus charmanten, verführerischen Stimme, die er am Piano selbst begleitete das Jazz-Publikum. Er schrieb zahlreiche Songs, wie „Papermoon“, „Route 66“ oder „Caravan“. Mit Count Basie wurde der Big-Band-Swing wieder improvisationsreicher. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr zu jener Zeit auch der Gesang. Mit Billie Holiday und Ella Fitzgerald erhielten wir unvergessliche Aufnahmen, die der Berühmtheit eines Klassikers wie Mozart in nichts nachstehen.

Durch Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan, später auch Betty Carter, lebte die Improvisation im Jazzgesang wieder auf. In nie zuvor da gewesener Virtuosität demonstrierten sie ihre musikalischen Fähigkeiten. Dies schien umso wichtiger zu sein, als bald der schnelle „Be-bop“, den Ton im Jazz angeben sollte und die Schlichtheit des Swing abzulösen begann.

Vorreiter des Bop war zunächst Charlie Parker, der sein Leben der Musik und den Drogen verschrieb und seinem Altsaxophon in unendlicher Geschwindigkeit die schönsten Melodien und Variationen entlockte. Es gab wohl keinen Saxophonist, der sein Instrument derart perfekt beherrschte wie er.

Das bekannteste und bis heute gängigste Session - Bop-Schema die „Rhythm-Changes“, entstand durch die Improvisation über das Thema „I`ve got rhythm“. Der Jazz fand wieder zurück zu seinen Wurzeln, man jammte wieder. Wo sich eine Gelegenheit bot, spielte man diese und andere Akkorde rauf und runter. Diesmal jedoch mit einer Geschwindigkeit, der das ungeübte, verwöhnte Publikum mit Sicherheit nicht folgen konnte.

Die Session war ein Ort für Musiker und für faszinierte Fans. Es ging weniger um den Hörgenuss für das Publikum, als um den Wettstreit auf der Bühne, man kann beinahe sagen, Jazz wurde zum Sport. Es gab Maßstäbe für gut und schlecht. Einer dieser Maßstäbe war die Schnelligkeit. Ein weiterer das Erfinden noch nicht da gewesener Melodien oder Melodiekombinationen.

Wer diesen elementaren Anforderungen nicht gerecht werden konnte, hatte keine Chance, diesen Wettkampf zu bestehen, geschweige denn zu gewinnen. Mit Musik, als Unterhaltung für gesetztes Publikum hatte das nicht viel zu tun. Freilich aber ein umso spannenderes Ereignis für das wache, junge und lernbegierige Publikum.

Charlie Parker selbst lebte, trotz seiner immensen Fähigkeiten ähnlich wie die meisten schwarzen Musiker damals: In Armut. Das jedoch vor allem wegen seines alles zerstörenden Drogenkonsums. Drogen gehörten fast zur Musik dazu und es hat lange gebraucht, bis eine Gegenrichtung die Musikerwelt wieder auf den drogenfreien Pfad brachte.

Weitere Mitstreiter und Wegbereiter waren Dizzie Gillespie, Max Roach, Bud Powell, Thelonius Monk, Clifford Brown, Art Blakey, Sonny Rollins und vor allem Miles Davis, der den Weg zum Cool-Jazz bereitete.

Cool-Jazz, das Kontrast-Programm zum Be-Bop bediente sich nur sparsam der allernötigsten Töne, mit wenig Vibrato, weich, ruhig , und vermied die zuvor zelebrierte Virtuosität. Es war eine Musik zum Relaxen. Das brauchte es wohl auch, nachdem alle Töne unseres Tonsystems in Hülle und Fülle verarbeitet worden waren.

Miles Davis (ebenfalls ein Drogenkonsument erster Güte) erhielt weltweit Anerkennung für seinen neuen stil, der sich wiederum wunderbar als Filmmusik verkaufen lies. Sein Album „Kind of Blue“ mit Bill Evans und John Coltrane wurde eine Ikone unter Jazz-Musikern und Jazzliebhabern. Aus dieser Liason entwickelte sich der Modale Jazz, der verschiedene Tonarten nebeneinander legte und miteinander vereinte. Eine hohe Kunst, die ohne ein Hilfsmuster beinahe nicht gelingen kann. Wie eindrucksvoll, dass jemand ohne diesen Bauplan diesen Stil erschuf. Miles Davis schuf mehr als nur einen neuen Stil, der im übrigen zunehmend elektrischer wurde und den Fortschritt der Technik zu nutzen wusste. Er schuf ein neues Lebensgefühl. Alles war cool. Eine ganze Generation wurde von diesem Lebensgefühl geprägt. Denken wir nur an James Dean, der eine Kultfigur dieser Generation werden sollte.

So verwundert es auch nicht, dass Chet Baker, ihm äußerlich sehr ähnlich, trotz seines ungeübten, mitnichten trainierten oder ausgebildeten Gesanges, auf dem Musikmarkt derart bestehen konnte. Zu anderen Zeiten hätte man ihm, wie auch seiner Zeitgenossin Astrud Gilberto, die mit Stan Getz ebenso erfolgreich war, wegen Unfähigkeit die rote Karte erteilt. Aber in den 60ern ging es nicht mehr um "höher, schneller, weiter", sondern um das Gefühl.

Vielleicht denkt man bei "cool" nicht an Gefühl. Aber diese Musik vermittelte mit ihren hin und wieder schiefen, simplen, vibratolosen Tönen, mit ihrer Schlichtheit und Ehrlichkeit mehr Zugang zur Seele, als sogar der Soul es vermochte (im übrigen auch eine Musikrichtung, die in dieser Zeit begann).

Chet Baker war aber eigentlich kein Sänger und man hatte an ihn nicht den geringsten gesanglichen Anspruch. Er war der coolste und verführerischste Trompeter überhaupt und man liebte ihn wegen seines Lebensgefühls, welches Echtheit, Schonungslosigkeit, Bedingungslosigkeit, Mut und Empfindsamkeit versprach. Seine Melodien, auf die kleinsten Bewegungen reduziert, sein ewig langer Atem, der in eine anderes Zeitgefühl führte, dies alles transportierte er auch mit seiner Stimme. Vermutlich hätte er es auch mit jedem anderen Instrument auszudrücken vermocht.

Der Mut, mit nichts dazustehen, nichts zu überspielen, sich so zu zeigen, wie man ist, war eines der Ziele der kriegsbefreiten Bevölkerung. Man sehnte sich nach Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit und wollte keine blumigen Worte und leere Versprechungen mehr. Chet Baker war einzigartig, wenn auch er sich mittels Drogen völlig ruinierte. Astrud Gilberto hingegen war nicht lange im Rampenlicht, brachte aber den Bossa-Nova auf die Bühne. Sie schien genau auf diese Schiene mit auf zu steigen, die Chet mit seiner stimme geebnet hatte, und die wenigen ihrer Platten mit Stan Getz und Carlos Jobim hielten sich beachtlich lange, dennoch hörte man von ihr nie mehr Neues.

Fortan war Bossa-Nova, später Samba im Jazz etabliert und öffnete den Raum für zahlreiche weiter musikalische Experimente in Richtung Weltmusik. Wenn es um Weltmusik geht, ist es natürlich auch von Bedeutung, dass sich einige Musiker , als es wirtschaftlich im eigenen Lande schlechter ging und Musik nicht mehr bezahlt wurde, in die verschiedensten Länder absetzten.

Frankreich, Deutschland, Finnland, Schweden, Dänemark, aber auch China und Japan waren Orte, an denen man zumindest Ruhm erhielt und zu Exoten zählte, was sich gut vermarkten ließ. Somit wurde natürlich auch neues in den Jazz eingebracht. Viele Musiker wechselten ihre Religionszugehörigkeit, nachdem sie durch die Diskriminierung verständlicherweise jedes Vertrauen in das Christentum verloren hatten, und brachten in ihrem Koffer auch neue Instrumente und Klänge mit, die sich wunderbar mit dem Jazz vereinen ließen. Nicht nur die Musik änderte sich, auch das Bühnenoutfit wurde angepasst, Namen neu zugelegt, meist aus dem Buddhismus, Hinduismus oder Islam. So prägte sich der Begriff World-Music.

Die Krönung und das scheinbare Ende der Entwicklungsmöglichkeiten des Jazz schien der nachfolgende Free-Jazz zu sein, der jeden festgelegten Rahmen zu sprengen schien und dem Zuhörer viel Zuhörbereitschaft und Verständnis abverlangte. Zeitgleich zu dieser Entwicklung hatte der Pop, Rock und Blues/Soul längst die Charts erklommen und bildete eine Art Gegenbewegung. Pop, Rock, Blues und Soul waren stabil und berechenbar, erdig und die Nummer sicher.

Die Allgemeinheit der jungen Generation fand in ihm eine stabile und nachzuvollziehende Größe. Jazz wurde zunehmend eine Musik für Exoten. Jazz war nicht mehr berechenbar, konnte alles oder nichts sein, und überstieg den allgemeinen musikalischen Horizont der Normalbevölkerung. Jazz galt als eine Musik für Insider oder Musiker und Musikliebhaber. Jazz war ein Kunstwerk, jedoch keine Gebrauchsmusik mehr, wie in den 30ern -60ern.
Dies änderte sich nur schwer und langsam. Es gab eine Reihe von Jazzmusikern, die versuchten Pop und Jazz zu verbinden, indem sie auf die funkigen Grooves der 70er und 80er versuchten, leicht und verständlich, eingängig und sanft zu improvisieren. Damit nahm gleichzeitig die Gitarre einen zentralen Platz ein und trat aus dem Schatten der sonst den Jazz dominierenden Saxophonisten, Trompetern oder Pianisten heraus.

Zwar hatte schon vorher eine deutliche Entwicklung über Eddie Lang, Charlie Christian, Wes Montgomery, Kenny Burrell, Tal Farlow, Django Reinhardt, Jimmy Raney, Jim Hall, Pat Martino, Joe Pass u.a. zur stärkeren Wahrnehmung der Gitarre geführt, doch der eigentliche Durchbruch im Jazz gelang erst mit der Fusion von Jazz und Rock. Einige schafften dieses Unternehmen und ihnen verdanken wir letztendlich das Comeback des Jazz.

Ein Herzlichen Dank sei hier an die Gitarristen John McLaughlin, Mike Stern, Pat Metheny, John Scofield, George Benson, Larry Carlton, Lee Ritenour etc. aber auch den Sängern und Instrumentalisten Al Jarreau, Bobby McFerrin, Branford Marsalis, Chick Corea, Joe Zawinul, Herbie Hancock, Keith Jarrett u.a. anderen Mitstreitern gesagt. Sie gaben dem Jazz für die Allgemeinheit ein neues Image und demonstrierten, das sich festgelegte Form und Spontaneität nicht ausschließen müssen. Sie trainierten das Ohr des allgemeinen Musikkonsumenten schonend, liebevoll, behutsam darauf, mehr aufnehmen und verarbeiten zu können, als nur das Gewohnte.

Damit gab es die Fusion von Pop/Rock und Jazz/Latin, den Fusion-Jazz. Heute hat sich der begriff Smooth oder Lounge-Jazz etabliert und meint damit liebevoll: alles ist möglich, alles ist schön. Ob Swing, Latin, Pop, Rock, Klassik oder Worldmusic, Hauptsache es bleibt überschaubar - dann darf auch nach Herzenslust improvisiert werden.

 

jazzitup-berlin.de
<